Schtonk!

EURO-STUDIO Landgraf
SCHTONK!
Nach dem Film von Helmut Dietl
Buch: Helmut Dietl und Ulrich Limmer nach einer Idee von Ulrich Limmer
Bühnenfassung von Marcus Grube
(Uraufführung: 10.02.2018, Landesbühne Esslingen)

ca. 1. November – 10. Dezember 2021

Regie: Harald Weiler
Bühnenbild: Alexander Martynow
Kostüme: Marie Landgraf

Mit:
Luc Feit (Reporter), Carsten Klemm (Fälscher),
Julia Weden, Alina Hidic, Matthias Hörnke, Iris Boss, Kai Hufnagel,
Holger Teßmann, Kai Möller, Gregor Eckert

Theater heute mit einem Stoff von gestern – das funktioniert! Denn eines ist sicher: Die nächsten Fake News sind schon da. SWR Fernsehen, 16.02.2018

Alternative Fakten – Das Unwort des Jahres 2017
Am 16. Januar 2018 wurde das von der Trump-Beraterin Kellyanne Conway geprägte Unwort des Jahres 2017 bekanntgegeben: ‚Alternative Fakten‘ = »der verschleiernde und irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen (…) salonfähig zu machen« (Definition aus der Jury-Begründung). Nicht-Belegbares als Tatsache zu behaupten, trifft auch auf den ebenfalls nominierten Begriff ‚Fake News‘ zu. Nicht einmal einen Monat nach der Bekanntgabe des Unworts, genauer gesagt am 10. Februar 2018, fand die Uraufführung der Theateradaption des Films „SCHTONK!“ statt. Die gefälschten Hitler-Tagebücher, um die es darin geht, sind ein Paradebeispiel dafür, wie die Sensationsgier nach einer Megastory jede journalistische Sorgfalt aushebelt. Im Gegensatz zum Internetzeitalter waren die Auswirkungen damals jedoch begrenzt.

 

Im April 1983 erklärte das Magazin stern, dass sich Adolf Hitlers geheime Tagebücher in seinem Besitz befänden. Wenige Tage später begann die Veröffentlichung von Tagebuchauszügen (Auflage: 2,4 Millionen!). Es dauerte nur zwei Wochen, bis eine BKA-Untersuchung bescheinigte, dass es sich bei den Büchern um Fälschungen handelte. Helmut Dietl verfilmte die Geschichte des bislang größten deutschen Medienskandals 1992 als Parodie unter dem Titel „SCHTONK!“. Diese so groteske wie geniale Komödie findet hier den Weg auf die Bühne.

Inhalt
Der Skandalreporter Hermann Willié ist seit Kurzem stolzer Besitzer der CARIN II., der etwas heruntergekommenen Yacht des von ihm hochverehrten NS-Reichsmarschalls Hermann Göring. Leider hat er sich mit dieser Investition finanziell überhoben. Nun ist er auf der Suche nach einem echten, einem richtigen Knüller, einer journalistischen Sensation sozusagen. Als er auf Prof. Dr. Fritz Knobel, einen Verkäufer von Historika und Antiquitäten bzw. »offizieller Kunstmaler des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg« trifft, scheinen seine kühnsten Träume wahr zu werden. Denn Knobel bietet ihm etwas an, von dem niemand geahnt hätte, dass es existiert: das geheime Tagebuch des Führers!
»Adolf Hitler privat! Ein Mensch wie du und ich!« 
Willié – bekannt für seine ‚Spürnase‘ – wittert seine Chance; sein Magazin HH Press ist euphorisiert: Und da Hamburg bekanntermaßen die deutsche Pressestadt ist, schaut die ganze Welt bei der Veröffentlichung zu. Nach ersten Gutachten scheint alles seine Richtigkeit zu haben, doch dann sehen ein paar Leute etwas genauer hin – und aus dem erwarteten Hype wird ein fatales Desaster …

DIE JAHRHUNDERTFÄLSCHUNG
Vom größten Sensations-Coup der Nachkriegszeit zum journalistischen Desaster

»Die Geschichte des Dritten Reiches muss teilweise umgeschrieben werden«, so schrieb selbstbewusst und marktschreierisch stern-Chefredakteur Peter Koch in der stern-Ausgabe vom 25.4.1983. Der Fund von Hitler-Tagebüchern war eine Weltsensation. Und der stern hatte die ganze Story!
Am 25. April 1983 präsentierte das Hamburger Magazin auf einer Pressekonferenz mit Reporter*innen und TV-Teams aus 27 Nationen einige Tagebuch-Kladden, die Star-Reporter Gerd Heidemann in die Kameras hielt. Die Fotos gingen um die ganze Welt. Der Verkaufspreis war um 50 Pfennig auf 3,50 DM erhöht worden, das Heft wurde über 2 Millionen mal verkauft. In seiner nächsten Ausgabe am 5. Mai 1983 begann der stern dann mit dem Abdruck der Tagebücher als Serie. Nur einen Tag später, am 6. Mai 1983, wurde die Tagebuch-Euphorie durch eine weltweit in allen Medien verbreitete Eilmeldung jäh beendet: Das Bundeskriminalamt verkündete, das Bundesarchiv in Koblenz habe die Bücher als Fälschung entlarvt. Der größte deutsche Medien-Skandal war perfekt.

Gerd Heidemann und Konrad Kujau
Dreh- und Angelpunkt rund um den Fund der angeblichen Hitler-Tagebücher war der 1931 geborene Reporter Gerd Heidemann. Der preisgekrönte Fotojournalist und Kriegsberichterstatter galt als hervorragender Rechercheur – mit einem Faible für Nazi-Memorabilien. Er konnte offenbar die unterschiedlichsten Leute dazu bringen ihm zu vertrauen und kam so an Informationen oder auch an die ungewöhnlichen Gegenstände heran, die er auch selbst sammelte. 1973 kaufte Heidemann für 160.000 DM die ehemalige Göring-Yacht CARIN II, nachdem er sie für den stern fotografiert hatte. 1978 heiratet er, mit dem ehemaligen SS-Obergruppenführer Karl Wolf und dem ehemaligen SS-General Wilhelm Mohnke als Trauzeugen. Heidemann hatte, indem er gute Kontakte zu ehemaligen Nazigrößen pflegte, dem stern schon so manche attraktive Story eingebracht.

Heidemann versuchte 1979 die Yacht CARIN II wieder zu verkaufen. Bei einem möglichen Käufer, einem Militaria-Sammler in Süddeutschland, sah er nicht nur Gemälde von Adolf Hitler, sondern auch ein Tagebuch. Der Sammler weigerte sich zunächst preiszugeben, von wem er seine angeblich originalen Hitleriana gekauft hatte, erzählt aber, sie stammten wohl aus einem Flugzeugabsturz. Heidemann berichtete dem Leiter des Ressorts Zeitgeschichte beim stern Thomas Walde von seinem Fund. Beide wussten: Sollten die Tagebücher echt sein, waren sie hier einer Sensation auf der Spur. Heidemann recherchierte hartnäckig weiter, fand im sächsischen Börnersdorf tatsächlich Hinweise auf den besagten Flugzeugabsturz und erhielt schließlich auch Name und Kontaktdaten eines Konrad Fischer. Am 15. Januar 1981 sprach er zum ersten Mal am Telefon mit dem Mann, der ihn bzw. den stern in den folgenden zwei Jahren nach und nach mit insgesamt 62 schwarzen Kladden voller angeblicher privater Aufzeichnungen Adolf Hitlers versorgt hat.

Der 1938 im sächsischen Löbau geborene und 1957 aus der DDR nach Stuttgart geflohene Konrad Kujau verkaufte zu der Zeit als Militaria-Händler in Stuttgart von ihm selbst gefälschte Nazi-Devotionalien und NS-Memorabilia. Er firmierte auch als Peter Fischer oder »Doktor Fischer« und kann heute als herausragender Allround-Fälscher und faszinierender Lügenbaron gelten. Bis heute sind viele seiner Fälschungen von Bildern und Schriftstücken, die angeblich von Adolf Hitler stammen, im Umlauf. Mindestens zwei frühe Standardwerke über Adolf Hitler („Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905–1024“, herausgegeben von Eberhard Jäckel und Axel Kuhn; „Hitler als Maler und Zeichner“ von Billy F. Price) enthalten eine stattliche Anzahl von Kujau-Fälschungen. »Conny«, wie Heidemann ihn bald nannte, erklärte sich bereit, weitere Hitler-Tagebücher zu besorgen, woraufhin sich Heidemann zusammen mit Ressortleiter Thomas Walde an Manfred Fischer, den Vorstandsvorsitzenden des stern-Verlages Gruner + Jahr, wandte. Der stellte 2 Millionen DM zum Kauf der Hitler-Tagebücher zur Verfügung. Außerdem vereinbarten sie die absolute Geheimhaltung dieser Geschichte, seine Quelle musste Heidemann nicht nennen.

Das Lügengebäude
Kujau tischte Heidemann eine plausibel klingende Herkunftsgeschichte zum Tagebuch-Fund auf – die perfekte Mischung aus Fakten und Fiktionen. Es ist historisch verbürgt, dass in den letzten Kriegstagen Ende April 1945 im Zuge der Operation »Seraglio« private Akten und Wertgegenstände Hitlers aus dem eingekesselten Berlin zur sogenannten »Alpenfestung« im Führersperrgebiet Obersalzberg geflogen werden sollten – und zwar von dem Piloten Friedrich Gundelfinger mit einer Junkers 352, die dann aber im sächsischen Börnersdorf, etwa 39 km südlich von Dresden, abstürzte.

Kujau erzählte Heidemann, an der Absturzstelle seien 1945 mehrere Metallkisten mit wichtigen Dokumenten geborgen und an einen geheimen Ort verbracht worden. Und diese Kisten seien jetzt in der DDR wieder aufgetaucht – ihr Inhalt: die Hitler-Tagebücher und andere wertvolle Dokumente. Kujaus Bruder Heinz, angeblich NVA-General, könne die Tagebücher unter Lebensgefahr beschaffen, und ein bestochener LKW-Fahrer würde sie einzeln im Frachtgut versteckt über die Grenze nach Westdeutschland schmuggeln. Alles höchst geheim, gefährlich und zeitaufwendig. Immer wieder zögerte Kujau die Lieferung weiterer Tagebücher hinaus und warnte zugleich davor, weitere Nachforschungen würden das Leben seines Bruders, des Fahrers und beider Familien in der DDR gefährden.

Im Rückblick lassen sich unzählige Punkte finden, die Anlass zur Skepsis hätten geben können. Beispielsweise dass Kujau inhaltliche Fehler in die Tagebücher hineinschrieb oder die Anzahl der zur Verfügung stehenden Kladden im April 1982 deutlich erhöhte, hätte Heidemann und dem stern zu denken geben können. Zudem zögerte Kujau die Übergaben neuer Kladden immer wieder und mit den abenteuerlichsten Begründungen hinaus – offenbar kam er mit der Produktion nicht nach – und verlangte immer höhere Preise. Anfangs wurden 85.000,- DM pro Band vereinbart. Da die Beschaffung aber immer schwieriger geworden sei, stieg der Preis auf zum Schluss angeblich 200.000,- DM. Vollends absurd erscheinen heute Umstände wie die Initialen F und H auf dem Einband oder die Ankündigung Kujaus, es gäbe auch noch eine von Hitler komponierte Oper, die er ebenfalls beschaffen könne.

Dass die Tagebucheinträge, die angeblich von Hitler stammten, derart geistlos und nichtssagend waren und sich hauptsächlich um seinen Gesundheitszustand und kleine Begebenheiten mit Eva Braun rankten, unterstützte offenbar eher die Glaubwürdigkeit. Denn hätte sich ein Fälscher nicht mehr Mühe gegeben? Vielleicht wirkte es auch erleichternd, dass man beim Lesen seiner Hitler-Faszination frönen konnte, ohne je einen politischen Gedanken zu streifen..

Die Tagebücher und der stern
Die Beschaffung der angeblichen Hitler-Tagebücher wurde innerhalb des stern als Geheimprojekt behandelt. Die Chefredaktion, das waren damals Peter Koch, Felix Schmidt und Rolf Gillhausen, wurde eingeweiht, als sie im Mai 1981 Heidemann zu Recherchen in die Türkei schicken wollten. Die drei beauftragten Heidemann und Walde, erneut nach Börnersdorf zu fahren, um die Geschichte zu erhärten – und das gelang ihnen auch, zumindest was den Flugzeugabsturz und dabei aufgefundene und später verschwundene Holz- und Metallkisten anging. Die Skepsis wich so weit, dass der neue Vorstandsvorsitzende des Verlages Gruner + Jahr Gerd Schulte-Hillen im August 1981 wie sein Vorgänger weitere Summen zum Ankauf der Bücher bewilligte. Am Ende hatte der stern 9,34 Millionen D-Mark für die angeblichen Tagebücher und weitere Dokumente bezahlt.

Der stern beauftragte zwei Schriftgutachter, um die Echtheit der von Heidemann besorgten Kladden zu bestätigen, die beide positive Gutachten vorlegten. Allerdings erfolgte der Schriftvergleich mit Dokumenten, die ebenfalls von Konrad Kujau stammten, wie sich erst im Nachhinein herausstellte. Auch das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz bestätigte die Echtheit. Das Bundesarchiv in Koblenz prüfte einzelne Seiten, konnte aber zunächst nur bei einem mitgelieferten Telegramm Hinweise auf eine Fälschung feststellen, die Kujau mit einer weiteren abenteuerlichen Erklärung beiseite wischte. Das Bundeskriminalamt ließ mit seinem Gutachten monatelang auf sich warten, andere Fälle erschienen wichtiger. Dass Heidemann zusätzlich von Kujau zu einigen der von ihm angekauften Dokumente amtliche Schriftstücke verlangte ebenso wie Nachweise über den DDR-Gutachter, der Kujau angeblich die Echtheit der Tagebücher bescheinigt hatte, blieb letztlich ohne Konsequenz, Kujau lieferte solche Nachweise nie.

Währenddessen verhandelte die Verlagsleitung Gruner + Jahr mit verschiedenen ausländischen Medien über die Lizenzrechte an der Story. Die britische Times sowie das US-amerikanische Magazin Newsweek schickten Experten, um sich von der Echtheit der Tagebücher zu überzeugen: Der britische Historiker Hugh Trevor-Roper und sein US-amerikanischer Kollege Gerhard Weinberg nahmen in der Schweiz, wo die Bücher bis zur Veröffentlichung unter Verschluss gelagert wurden, kurz Einblick und bestätigten ebenfalls die Echtheit. Die Verhandlungen mit den großen britischen und amerikanischen Medienhäusern scheiterten zwar, aber nun lagen diesen Auszüge aus den Tagebüchern vor. Um als erste zu publizieren, musste der stern das Erscheinen seines Sensationsheftes vorverlegen, um drei Tage auf Montag, 25. April 1983.

Sie sind falsch!
Den Beweis für die Fälschung lieferte schließlich das Papier, auf dem Kujau geschrieben hatte. Es enthielt nämlich Nylonfäden und Weißtöner – Zusatzstoffe, die nachweislich erst nach dem Krieg bzw. erst ab 1950 in der Papierherstellung eingesetzt wurden. Adolf Hitler konnte nicht auf dieser Art Papier geschrieben haben, denn er starb vor Kriegsende 1945.

Auf einer Pressekonferenz am 6. Mai 1983 teilten das Bundeskriminalamt und die Bundesanstalt für Materialprüfung mit, dass es sich bei den sogenannten Hitler-Tagebüchern um eine Fälschung handelte. Noch am selben als »Black Friday« in die Redaktionsgeschichte des stern eingegangenem Tag musste sich der völlig überraschte und entsetzte Heidemann den unangenehmen Fragen der Redaktion stellen. Immer noch versuchte er Conny Fischer, an dessen Integrität er weiterhin glauben wollte, zu schützen. Dennoch gelang es stern-Journalisten den schließlich von Heidemann genannten Konrad Fischer als Konrad Kujau zu enttarnen. Unterdessen floh Kujau mit seiner Lebensgefährtin Edith Lieblang und Maria Modritsch nach Österreich, stellte sich aber am 14. Mai den deutschen Behörden. Heidemann wurde am 26. Mai verhaftet.

Das Nachspiel
Am 21. August 1984 begann vor dem Hamburger Landgericht das elf Monate laufende Verfahren – die gesamte stern-Führung musste in den Zeugenstand. Am 8. Juli 1985 wurden Kujau und Heidemann verurteilt. Kujau war geständig und erhielt wegen Betrugs und Urkundenfälschung 4 Jahre und 6 Monate, wurde aber wegen seiner Krebserkrankung nach 3 Jahren vorzeitig entlassen. Heidemann verurteilte das Gericht wegen Betrugs zu 4 Jahren und 8 Monaten. Er bekam zwei Monate mehr als Kujau, weil er Teile des bar und ohne Quittung vom stern gezahlten Honorares unterschlagen haben soll. Heidemann bestreitet das bis heute und sieht sich als Opfer Kujaus Betruges. Heidemanns auf hunderten Tonbandkassetten mitgeschnittene Telefonate mit Kujau wurden als Beweis zu seiner Entlastung im Prozess nicht zugelassen. Bis heute bleibt ein Geheimnis, wo die vom stern gezahlten Millionen geblieben sind.

Kujau genoss die öffentliche Aufmerksamkeit während des Prozesses. Er stellte Beförderungsurkunden für die im Saal anwesenden Justiz- und Polizeibeamten aus und verteilte auf Wunsch seine Hitler-Unterschriften. Aus der Haft entlassen, wurde er zur bekannten Medienfigur und Talkshow-Publikumsliebling.1996 trat er – schon von der Krankheit gezeichnet – als OB-Kandidat in Stuttgart an. Er gründete eine Galerie in Stuttgart, in der er seine oft weit über 1.000 DM teuren, mit dem Stempel »gefälscht von Konrad Kujau« versehenen Bilder verkaufte. Im Jahr 2000 starb er an Magenkrebs. Heute gibt es in seinem letzten Wohnort Bietigheim-Bissingen übrigens ein Kujau-Museum: Der Antiquitätenhändler und Kujau-Sammler Marc-Oliver Boger eröffnete 2017 sein »Kujau-Kabinett« mit Fälschungen und Zeugnissen aus dem Leben von Konrad Kujau.
Gerd Heidemann hingegen verlor seine Reputation als ernstzunehmender Journalist. Die Geschichte um die Hitler-Tagebücher brach dem eigentlich so erfahrenen Rechercheur das journalistische Genick. Heute lebt er in einer 3-Zimmer-Wohnung in Hamburg-Altona und kümmert sich um sein Archiv.

stern-Herausgeber Henri Nannen entschuldigte sich noch am 6. Mai 1983 öffentlich für das Debakel und übernahm die Gesamtverantwortung, die Chefredakteure Koch und Schmidt traten zurück. Das Vertrauen der Leserinnen und Leser war erschüttert. Die Auflage brach dramatisch ein, 10.000 Abonnent*innen kündigten und innerhalb des sterns begann die Aufarbeitung des Skandals. Das Magazin kam wieder auf die Beine, doch sein Name bleibt bis heute mit diesem Skandal verbunden

… und heute?
Der größte Presseskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte wird inzwischen selbst journalistisch verwertet: Mehrere stern-Journalisten schrieben Bücher über die damaligen Ereignisse und gaben zum Erscheinen des Films „Schtonk!“ und zu Jahrestagen des Skandals Interviews. Das Magazin stern selbst geht mit seiner wenig rühmlichen Affäre inzwischen offensiv um: Aus Anlass des 70. Jubiläums des Magazins (die erste Ausgabe erschien am 1. August 1948) rollte es den Fall wieder auf und veröffentlichte ab Januar 2019 den zehnteiligen Podcast (eine Serie von Hördateien) »FAKING HITLER. Die wahre Geschichte der gefälschten HITLER-TAGEBÜCHER«, mit bislang drei Bonusfolgen. Zum ersten Mal sind hier Ausschnitte aus den mehreren hundert Tonbandkassetten von Gerd Heidemann, auf denen er seine Gespräche mit Konrad Kujau aufgezeichnet hatte, sowie Exklusiv-Interviews mit Heidemann, anderen stern-Reporter*innen, Kujau-Kenner Marc-Oliver Boger und anderen zu hören. Zu finden ist der Podcast auf https://www.stern.de/podcast-faking-hitler-8461596.html. Aber selbst hier bleiben viele Fragen letztlich ungeklärt und interpretationsoffen. Selbst nach einem Gerichtsprozess, diversen persönlichen Erfahrungsberichten, veröffentlichten Original-Quellen und journalistischen Aufarbeitungen bleibt die Geschichte der gefälschten Hitler-Tagebücher immer gefärbt aus der Perspektive desjenigen, der sie erzählt.

Aus dem Skandal wird ein Film
Die Story hat alles, was ein Riesencoup braucht: Nazis, Pressebarone, Millionen von D-Mark, die im Spiel sind, einen gewitzten Fälscher und die Tagebücher des »Führers«. Helmut Dietl machte daraus die Filmkomödie „SCHTONK!“. Der Film brachte über 2 Millionen Menschen in die Kinos. Ulrich Limmer, ausführender Produzent und Co-Autor hatte bereits Mitte der 1980er die Idee, die kuriose Geschichte um den Hitler-Tagebuch-Skandal zu verfilmen. Er überzeugte den Produzenten Günter Rohrbach, der Helmut Dietl mit ins Boot holte. Zwei Jahre lang schrieben Dietl und Limmer an dem Buch, dann drehten sie mit Götz George, Uwe Ochsenknecht, Christiane Hörbiger, Veronica Ferres u.v.a. Der 1992 uraufgeführte Film erhielt noch im selben Jahr den Deutschen Filmpreis und wurde für den Oscar in der Kategorie Bester nicht englischsprachiger Film nominiert. Das Genre: eine Realsatire, die zugleich eine Warnung vor dem falschen Umgang mit dem Mythos des ‚Dritten Reichs‘ ist. Wobei Helmut Dietl immer betonte, dass er zwar die realen Vorkommnisse nutzte, aber alle konkreten Handlungen und Charaktere reine Fantasie seien.

Als Titel wählten die Autoren ein Zitat aus der Filmgeschichte: Charles Chaplin erfand für seinen Hollywood-Film „Der große Diktator“ 1940 die fiktive Sprache GRAMMELOT – »Demokratsie SCHTONK! Liberty SCHTONK! Free Sprekken SCHTONK!«. Der Titel ist also eine Hommage an den großen Chaplin und seinen wunderbaren Filmklassiker.

Vom Film zum Theaterstück
Es sollte noch einmal fast 15 Jahre dauern, bis dieser Filmstoff auch den Weg auf die Bühne fand: 2016 fragten der Intendant der Württembergischen Landesbühne Esslingen Friedrich Schirmer und sein Chefdramaturg Marcus Grube die Autoren bzw. Rechteinhaber – Helmut Dietls Witwe und Dietls Co-Autor Ulrich Limmer –, ob sie den Stoff auf die Bühne bringen dürften. Beide ließen sich von der Begeisterung für das Vorhaben bzw. von der Bühnenfassung von Marcus Grube überzeugen. In der Vorberichterstattung und in den Kritiken zur Esslinger Uraufführung wurde immer wieder die Frage gestellt, ob der Stoff noch aktuell sei. Es zeigte sich: das ist entschieden der Fall! Die Anziehungskraft dieses Teils der deutschen Vergangenheit scheint durch die fehlende oder verfehlte Aufarbeitung der 1950er und 60er Jahre eher noch verstärkt worden zu sein. Hier zwei Beispiele: Im Februar 2017 wurde Hitlers – wohl ebenfalls gefälschtes – rotes Reisetelefon für 229.000 Euro in den USA versteigert, (anonyme Bieter in aller Welt konnten per Telefon an der Auktion teilnehmen), einen Monat später erbrachte in England ein Fotoalbum von Eva Braun 39.000 Euro. Wie der mittelalterliche Reliquienhandel mit dem Stroh aus dem Stall von Bethlehem oder dem Holzsplitter aus dem Kreuze Jesu nimmt der Handel mit NS-Devotionalien und deren Verehrung nahezu religiöse Dimensionen an. Und was Presseleute schon immer wussten, gilt auch heute noch: »Hitler sells«.

Pressestimmen

Zur Uraufführung an der Württembergischen Landesbühne Esslingen am 10.02.2018

Die Affäre um die ‚Hitler‘-Tagebücher auf der Bühne
Der Einsatz hat sich gelohnt. Herausgekommen ist ein vergnüglicher Theaterabend, der bei der ausverkauften Premiere mit viel Beifall aufgenommen wurde.
Thomas Rothschild, Stuttgarter Nachrichten, 11.02.2018

Marcus Grube ist mit der Bühnenfassung eine unterhaltsam-ironische Mischung gelungen. Die Zuschauer amüsierten sich köstlich.
Renate Zährl, Schwarzwälder Bote, 18.02.2018

Bei der Bühnen-Erstaufführung zu Helmut Dietls legendärem Kinohit wurde viel gelacht und entschieden gejubelt. Tatsächlich hat Marcus Grube die Uraufführung nicht als Geschichtslektion oder pathetisches Großunternehmen, sondern als leichtes Entertainment angerichtet. Er zeigt eine Komödie mit viel Slapstick und entschlossen aufgedrehtem Tempo. Die Theaterwirkung des Stoffs entsteht aus der Eleganz der Dialoge, aus der Frechheit und der Musikalität des Drehbuchs, die sich über ein Vierteljahrhundert gehalten haben.
Wolfgang Höbel, Spiegel Online, 11.02.2018

Eine Komödie mit hoher Aktualität. „SCHTONK!“ funktioniert hervorragend.
Liest man die wahre Geschichte der 1983 vom stern veröffentlichten Hitler-Tagebücher, dann muss man einfach an das hoch aktuelle Thema der Fake News denken. Sie fordert geradezu heraus, für Film und Bühne bearbeitet zu werden. Das Publikum bedankte sich mit viel Beifall für ein Stück, dass witzig Unterhaltsames bestens mit kritisch Fragendem zu verbinden versteht und sich dabei durch unerwartete Aktualität auszeichnet.
garai, Südwestpresse, 19.02.2018

Biografien

Luc Feit © Dietrich Dettmann

LUC FEIT
Der gebürtige Luxemburger, der die Auszeichnung European Shooting Star Berlinale 2002 erhielt, hat auf der Bühne und im Film internationale Erfahrung. Das Schauspielstudium absolvierte er an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Engagements führten ihn u. a. an das Staatstheater Saarbrücken, an Häuser in Luxemburg, in Paris und Berlin. Seit Beginn der 1990er… mehr

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Carsten Klemm © Matthias Stutte

CARSTEN KLEMM
Nach seiner Ausbildung an der Folkwang Universität der Künste ging Carsten Klemm ins Festengagement ans Landestheater Tübingen. Weitere Engagements führten ihn u. a. an die Theater Basel und Trier und ans Stadttheater Luzern. Sein Rollenrepertoire umfasst Hauptrollen in klassischen Dramen (u. a. Kleists Prinz Friedrich von Homburg, Tellheim in Lessings „Minna von Barnhelm“, Goethes Torquato Tasso), aber auch in Musicals… mehr

Zuletzt aktualisiert: 17.11.2020