Die letzten Tage der Menschheit

Konzertdirektion Landgraf
DIE LETZTEN TAGE DER MENSCHHEIT
von Karl Kraus
Szenische Lesung mit Hans Hollmann
Zur Erinnerung an den Ausbruch des 1. Weltkriegs 1914 

ca. 27.10.2014 – 2.11.2014

 

KARL KRAUS
in seinem Vorwort zu

DIE LETZTEN TAGE DER MENSCHHEIT
Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden,

sind wirklich geschehen.
Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden,
sind wörtlich gesprochen worden;
die grellsten Erfindungen sind Zitate.
Phrasen stehen auf zwei Beinen
– Menschen behielten nur eines.

Autor Hans Weigel: Die letzten Tage der Menschheit, die die dramatische Form als satirischen Kunstgriff benützen, sind ein Lese- und Vorlesedrama. Die Dialoge sind akustisch konzipiert, die Regieanweisungen sind wesentliche Bestandteile.
Hans Hollmann: In „Die letzten Tage der Menschheit“ wird die Sprache als schlimmste Täterin, als gefährlichste Waffe des Menschen entdeckt. Das und der Umstand, dass die Tragödie akribisch die Wurzeln der Katastrophe des 20. Jahrhunderts aufzeigt, macht das Werk so einzigartig.

Bis heute hat dieses nach Inhalt und monumentalem Umfang einzigartige, vor Scharfsinn und Witz sprühende Antikriegsdrama, das Kraus größtenteils während des Ersten Weltkriegs als Reaktion auf die tagespolitischen Ereignisse schrieb, nichts von seiner beunruhigenden Wirkung verloren. Von den 850 Seiten der Buchausgabe, an der Kraus zwischen 1915 und 1917 arbeitete, nimmt allein das Verzeichnis der Schauplätze mit weit über 500 Personen 12 Seiten ein. Oftmals übertrug er aktuelle Reportagen über den Kriegsverlauf aus der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Die Fackel“ in das Manuskript oder integrierte umgekehrt Texte des Dramas in „Die Fackel“.
Der in Graz geborene Schauspieler und Regisseur Hans Hollmann hat mit seiner zweieinhalb Stunden inkl. Pause dauernden Lesung u. a. schon am Wiener Burgtheater und am Berliner Ensemble gastiert.

 KARL KRAUS
Krieg ist zuerst die Hoffnung,

dass es einem besser gehen wird,
hierauf die Erwartung,
dass es dem anderen schlechter gehen wird,
dann die Genugtuung,
dass es dem anderen auch nicht besser geht,
und hernach die Überraschung,
dass es beiden schlechter geht.
Karl Kraus: Sprüche und Widersprüche. München 1909.

Hans Hollmann – Biografische Daten
Zum Mekka der Theaterenthusiasten wurde 1974 Basel, als Hans Hollmann mit seiner Inszenierung von „Die letzten Tage der Menschheit“ zum 100. Geburtstag von Karl Kraus Theatergeschichte schrieb. Die siebenstündige Fassung (die er zu den Wiener Festwochen 1980 im Konzerthaus in anderer Besetzung wiederholte) lief an zwei Abenden im Foyer des Theaters. Zu der Zeit war der 1933 in Graz geborene Schauspieler und Regisseur aber schon überregional bekannt durch seine Inszenierung von Horvaths Volksstück „Italienische Nacht“ am Staatstheater Stuttgart. Nach seiner Promotion zum Dr. juris an der Karl-Franzens-Universität in seiner Geburtsstadt und seinem Studium am Max-Reinhardt-Seminar der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien (Schauspiel und Regie) sammelte er erste Theatererfahrungen als Regieassistent, Schauspieler und Regisseur am Wiener Theater in der Josefstadt.

Ein Beweis dafür, dass Hollmann schnell zu einem der begehrtesten Regisseure im deutschsprachigen Raum wurde, der seinen Inszenierungen einen unverwechselbaren Stempel aufdrückte, sind nicht nur seine Gastengagements in den führenden deutschen, österreichischen und schweizer Theatermetropolen, sondern auch seine zahlreichen Einladungen zum Berliner Theatertreffen:

1968 „Italienische Nacht“ von Horvath – Staatstheater Stuttgart
1969 „Kasimir und Karoline“ von Horvath – Theater Basel
1970 „Kabale und Liebe“ von Schiller – Schillertheater Berlin
1971 „Leben Eduards des Zweiten von England“ von Brecht – Münchner Kammerspiele
1974 „Liebelei“ von Schnitzler – Theater Basel
1975 „Die letzten Tage der Menschheit“ von Kraus – Theater Basel
1981 „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua“ von Schiller – Schauspielhaus Zürich
1988 „Krieg Teil 1“ von Rainald Goetz – Schauspiel Bonn

Obgleich Hollmann auch ein gefragter Opernregisseur wurde, galt sein bevorzugtes Engagement dem zeitgenössischen Theater. Er inszenierte Ur- und- Erstaufführungen von Autoren wie Tankred Dorst, Rainald Goetz, Peter Handke, Elfriede Jelinek, Heiner Müller und Botho Strauss.
1993 wurde er zum Professor für Theaterregie an die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main berufen und leitete von 1998-2003 als Dekan den Fachbereich Darstellende Kunst. Wegweisend wurde seine Konzeption des Studien- und Produktionsverbundes Hessische Theaterakademie, eine Vernetzung der zu Bühnenberufen ausbildenden hessischen Hochschulen untereinander und mit den hessischen Staats- und Stadttheatern. 2002 wurde unter seiner Leitung die Hessische Theaterakademie gegründet, in der ein gänzlich neuer Weg praxisnaher künstlerischer Ausbildung entwickelt wurde. Nach dem Vorbild dieser Akademie, die derzeit vier Hochschulen und fünfzehn Theater umfasst, entstand 1994 in Hamburg die Theaterakademie Hamburg.
Neben zahlreichen Bearbeitungen, Übersetzungen und Drehbüchern verfasste Hans Hollmann Essays über das Theater und theatertheoretische Texte. In vielen Lesungen interpretiert er vor allem Autoren wie Elias Canetti, Karl Kraus und Heinrich Heine.
1969 wurde Hans Hollmann, der von 1975 bis 1978 Intendant des Theaters Basel war, mit der Kainz-Medaille der Stadt Wien ausgezeichnet. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Darstellende Kunst, Ehrenmitglied der Staatlichen Schauspielbühnen Berlins. In Österreich wurde ihm das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse, das Große Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark verliehen. Die höchste Auszeichnung des Landes Hessen, die Goethe-Plakette erhielt er 2006.
Helga Szabo veröffentlichte ihre Dissertation Hans Hollmann, Ein Europäer aus Österreich. 30 Jahre Theater der Erregung 1996 in Wien.

Zuletzt aktualisiert: 05.02.2015