Zauberberg

Théâtre National du Luxembourg
ZAUBERBERG
nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann
Fassung von Florian Hirsch
Mit Jacqueline Macaulay (Clawdia Chauchat ), Marc Baum (Joachim Ziemßen),
Ulrich Gebauer (Settembrini), Wolfram Koch (Hans Castorp),
Marco Lorenzini (Dr. Behrens / Mynheer Peeperkorn), Maik Solbach (Frau Stöhr / Herr Albin)
Regie: Frank Hoffmann
Bühnenbild: Christoph Rasche
Kostüme: Jasna Bosnjak
Masken: Jasmin Schmit
Musik: René Nuss
Lichtdesign: Daniel und Zeljko Sestak
Dekorationsbau, Anfertigung der Kostüme und Masken:
Werkstätten des Théâtre National du Luxembourg
Ort: Sanatorium in Davos, Zeit: ca. 1907-1914 und immer
Aufführungsrechte: S. FISCHER Theater & Medien, Frankfurt/Main
Premiere am Théâtre National du Luxembourg: 28.10.2020
ca. 22. November – 5. Dezember 2022

Wer das Stück noch nicht gesehen hat, sollte unbedingt ins Sanatorium auf den „Zauberberg“.
Das Théâtre National du Luxembourg bringt das schwindelerregende Werk der deutschen Literatur, das die Geheimnisse von Leben, Tod, Liebe und Krankheit erforscht, zugleich aber auch ein Buch ist, das viele in ihren Herzen tragen, auf die Bühne. Aufgeführt wurde das Stück bereits im Oktober und war stets ausverkauft.
Marc Thill, Luxemburger Wort, 30.01.2021

ZUM INHALT
Ursprünglich 1913 als kurzes, »humoristisches Gegenstück« zu der gerade abgeschlossenen tragischen Cholera-Novelle „Der Tod in Venedig“ konzipiert, wird der „Der Zauberberg“ – verzögert durch den Ersten Weltkrieg und andere Projekte – erst elf Jahre später als monumentaler Epochenroman veröffentlicht. Tagesaktualität erhält Thomas Manns, das »erste Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts« charakterisierender Epochenroman durch die »Mischung von Tod und Amüsement« mit der die Menschen heute auf die Viren der neuartigen, noch immer nicht ausreichend erforschten Lungenkrankheit reagieren. Wie die ebenso ansteckende Zauberberg-Krankheit Tuberkulose, an deren Folgen weltweit über eine Million Menschen der jährlich über 10 Millionen neu erkrankten Menschen sterben* – wird COVID-19 durch keimhaltige Aerosole bzw. Tröpfchen übertragen.
Hans Castorp, ein früh verwaister Ingenieur aus gutbürgerlichen Verhältnissen reist im Sommer 1907 für drei Wochen aus seiner Heimatstadt Hamburg nach Davos, um seinen lungenkranken Vetter Joachim Ziemßen zu besuchen. Der >hermetische Zauber< des vornehmen Sanatoriums Berghof und die verführerische Zeit- und Weltabgewandtheit zieht ihn derart in seinen Bann (>Man ändert hier seine Begriffe< hatte ihm sein Vetter prophezeit), dass er die Abreise immer wieder aufschiebt und so aus Wochen Monate und aus Monaten sieben Jahre werden, in denen die, Zeit- und Alltag ausklammernde, Monotonie der horizontalen Lebensweise zwischen Fiebermessen, Liegekur, Röntgen und Speisesaal ihm bald als die für ihn einzig passende erscheint. Durch die Allianz von Lust und Erregung, Begehren und Tod, die für ihn zum Maß aller Dinge wird, gehen für Castorp – wie für alle Patienten – Vergangenheit und Zukunft ineinander über, so dass er jedes Zeitgefühl verliert und er immer mehr der Welt und der Zeit verloren geht. Gleichzeitig verändert sich durch »die Faszination des Todes« sein Denken. Er stellt sich Fragen, die er sich nie zuvor gestellt hat. Welcher der zwei Lebenswege ist der richtige, fragt er die faszinierende >kirgisenäugige< Russin Clawdia Chauchat, von der ihm nach dem Karnevalsrausch der Walpurgisnacht als >Erinnerungsgabe < nur ihr Röntgenbild bleibt: >der gewöhnliche, direkte und brave< oder >der geniale Weg< auf dem man »die Todesidee und alles Dunkle, Geheimnisvolle des Lebens zwar nicht rationalistisch übersieht, sondern sie einbezieht, ohne sich von ihr beherrschen zu lassen«.

Florian Hirsch hat aus dem „Zauberberg“ eine Lesart für unsere Gegenwart destilliert. Eine Soziologie der Leiden: Paradies und Verdammnis, Rausch und Ernüchterung, Bewegung und Stillstand, Ordnung und Freiheit, Liebe und Tod. Eine Entdeckungsreise mit ungewissem Ausgang und schwankenden Fieberkurven inmitten einer Pandemie. Eine Kur ohne Heilung. Ein Schneesturm. Ein Maskenball. Ein Danse Macabre. Ein zeitentrücktes wie zeitaktuelles Portrait des modernen Menschen.

*Die Zahlen sind aus dem Jahr 2018, Zitate aus dem „Zauberberg“stehen in >< . 
Die durch »« gekennzeichneten Texte werden zitiert nach Thomas Mann: Einführung in den „Zauberberg“. Für Studenten der Universität Princeton. In Gesammelte Werke in 13 Bänden. 2. Auflage, Frankfurt/Main 1974, Bd. XI, Seite 602-617.(Während seiner amerikanischen Exiljahre war Thomas Mann im Mai 1939 eingeladen, über seinen am 28. November 1924 erschienenen Roman zu sprechen) Geringfügige Kürzungen und daraus folgende Ergänzungen oder Textumstellungen sind nicht gekennzeichnet.

Regisseur Frank Hoffmann stehen für die >visuell beeindruckende Aufführung, die unter die Haut geht und den Verstand ebenso herausfordert wie sie die Fantasie bewegt< (Michel Schroeder, ZEITUNG VUM LËTZEBUERGER VOLLEK, 6.3.2021.) jene besonderen Schauspieler zur Verfügung, die es braucht, um große Literatur auf der Bühne hautnah erlebbar zu machen.

Über eine kleine gerade begonnene »Erzählung, die sofort den Titel „Der Zauberberg“ erhielt«, und nichts weiter sein sollte »als ein humoristisches Gegenstück« zu der vor kurzem beendeten Cholera-Novelle „Der Tod in Venedig“, berichtet Thomas Mann in einem Brief im November 1913. Aus den »wunderlichen Eindrücken«, die Thomas Mann 1912 bei einem Besuch seiner Frau Katia sammelte, die nach einer wohl falschen Tbc-Diagnose als Patientin in einem Sanatorium in Davos lag, sollte eine »Mischung von Tod und Amüsement werden. Nach einem halben Jahr hat der Mensch nichts anderes mehr im Kopf als die Temperatur unter seiner Zunge und den Flirt. Und nach einem zweiten halben Jahr wird er in vielen Fällen nie wieder etwas anderes im Kopf haben können als dies. Er wird endgültig untauglich für das Leben im Flachland geworden sein.«

(Die in »« gesetzten Texte werden zitiert nach Thomas Mann: Einführung in den „Zauberberg“. Für Studenten der Universität Princeton. In Gesammelte Werke in 13 Bänden, 2. Auflage, Frankfurt/Main 1974, Bd. XI, Seite 602-617.)

THOMAS MANN
»Mit dem Mysterium der Zeit gibt sich der Roman auf mehrfache Weise ab. „Der Zauberberg“ ist ein Zeitroman im doppeltem Sinn: einmal historisch, indem er das innere Bild einer Epoche, der europäischen Vorkriegszeit, zu entwerfen versucht, dann aber, weil die reine Zeit selbst sein Gegenstand ist, den er nicht nur als die Erfahrung seines Helden, sondern auch in und durch sich selbst behandelt.«

(Zitiert nach Thomas Mann: Gesammelte Werke in 13 Bänden, Band XI. Frankfurt/Main 1990, S. 611f.)

SUSAN SONTAG
Tb macht den Körper transparent. Die Röntgenstrahlen, die das diagnostische Standardwerkzeug sind, erlauben einem, sich selbst transparent zu werden.

(Aus Susan Sontag: Krankheit als Metapher. Carl Hanser Verlag, München, Wien, 1978.)

Die 1933 geborene, 2003 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete New Yorker Schriftstellerin, Kritikerin und Filmemacherin, starb 2004 im Alter von 73 Jahren an Krebs.

Zuletzt aktualisiert: 26.07.2021