Stella

Hamburger Kammerspiele
STELLA
EIN SCHAUSPIEL FÜR LIEBENDE
von Johann Wolfgang von Goethe
Fassung von Amina Gusner
Mit Anna Schäfer in der Titelrolle, Mario Ramos als Fernando,
Isabell Fischer, Kerstin Hilbig, Kristina-Maria Peters
Regie: Amina Gusner
Ausstattung: Inken Gusner
Dramaturgie: Anja Del Caro
Lichtkonzeption: Ralf Strobel
Dekorationsbau und Anfertigung der Kostüme:
Werkstätten der Hamburger Kammerspiele
ca. 29. Oktober – 20. November 2022
Premiere an den Hamburger Kammerspielen: Januar 2022

ZUM INHALT
Zwei Frauen lieben einen Mann. Ein Mann liebt zwei Frauen. Seine eigenen Affären inspirierten den jungen Goethe zu dem „Schauspiel für Liebende“. Wie er Friederike von Brion, so hat Fernando Cäcilie verlassen, und – wie Fernando bei Stella – findet er bei Lili Schönemann die neue Liebe. Für sein Stück hat Goethe zwei verschiedene Schlüsse geschrieben: Einmal endet es in einer glücklichen »eine abscheuliche und höchst verdammenliche« (Hauptpastor Goeze über die Uraufführung in Hamburg) Dreierbeziehung, einmal tragisch.

Amina Gusner zeigt in ihrer Inszenierung die Zeitlosigkeit des Themas und untersucht mit Goethes klassischem Werk heutige Liebes- und Beziehungsmodelle. Seien Sie gespannt, welchen Ausgang die Liebenden in dieser Aufführung wählen werden!

PLÄDOYER FÜR DIE BEFREITE LIEBE
Anja Del Caro im Gespräch mit der Regisseurin Amina Gusner

Liebe Amina,
für wie modern hältst Du die fünf Figuren, die uns in „Stella“ begegnen?

Ich würde fast sagen, sie sind Gefangene des 19. Jahrhunderts, das bis heute wirkt. Es wird uns in Filmen, Büchern etc. bis heute verkauft, das Märchen von der großen Liebe und dem Einen und dem Happy End. Doch im Zeitalter des Neoliberalismus ist das doppelt verheerend, denn dann bist du selbst schuld, wenn du nicht glücklich bist. Da ist Fernando, der Zweifler und Suchende. Der Reisende, im Inneren zutiefst Einsame, der sich nicht wirklich einlassen mag, weil an der nächsten Ecke schon das nächste Glück warten könnte. Fernando eröffnet »Familienfilialen«, er ist Serienmonogamist. Fünf Jahre mit der einen Frau, Kind und Familie, dann zieht er weiter und macht mit einer anderen die nächste Familie auf. Auch sein Schuldbewusstsein den Frauen gegenüber, von denen er meint, er liebt sie, ändert nichts an seinem Verhalten. Er dreht sich letztlich nur um sich selbst. Sind die Gründe dafür in der Konsumgesellschaft und ihrer Neigung zum Narzissmus zu suchen? In den Gesetzen der Biologie? Oder ganz einfach darin, dass Fernando noch nicht auf die richtige Seite gefallen ist? So wie die Frauenfiguren, die mehr das Bild der Liebe lieben als den Mann. Die verlassene Geliebte, Stella, und die verlassene Ehefrau, Cäcilie, lieben es mehr, unglücklich zu sein und dramatisch das Leben zu verwarten, als selbst aktiv zu werden. Sie sind Frauen-Karikaturen, die sich nur über den Mann definieren. Dieses Stück würde im Bechdeltest durchfallen, obwohl hierin fast nur Frauenrollen zu finden sind. Der Bechdeltest wurde von Feministinnen entwickelt, um zu prüfen, wie selbstständig Frauen in Filmen dargestellt werden. Haben sie überhaupt einen Namen? Sprechen sie miteinander? Sprechen sie über etwas anderes als über Männer? Erst wenn diese drei Fragen mit Ja beantwortet werden, besteht der Film den Test. Viele Hollywoodfilme fallen da durch und auch „Stella“ von Goethe. Lediglich Fernandos und Cäcilies Tochter Lucie bricht aus der »Frauenrolle« aus. Sie kann sich vorstellen ein Leben ohne Männer zu leben, schließlich wurde sie auch ohne Vater großgezogen und weiß, dass sie sich auch selbst versorgen kann. Sie hat Mut und Hoffnung auf ein anderes Leben, als das ihrer Mutter, die nur in ihrer Erinnerung an die gute alte Zeit lebt. Sie hält ein Plädoyer für eine von den Zwängen der Konsumgesellschaft befreite Liebe. Auf diese Weise ist das Stück auch ein Zusammentreffen verschiedener Generationen und Möglichkeitsmodelle. Neben der Mutter und Tochter ist da auch noch die älteste Figur, die alles schon hinter sich gelassen hat, die Wirtin, die von sich sagt, sie ist ohne jegliche Leidenschaft.

Und dabei glücklich. Was hat Goethes „Stella“ mit uns heute zu tun?
Liebesmodelle, Familienmodelle, Patchwork-Familien – wie lässt sich Liebe und Familie heute leben? Das sind Fragen, die schon Goethe beschäftigt haben und uns noch heute beschäftigen. Gerade im Zeitalter, wo wir die Stereotype aufbrechen wollen und darüber nachdenken, was das ist »typisch weiblich« und »typisch männlich« ? Was muss eine Frau heute alles können? Was muss der Mann können? Und kann das am Ende die Frau nicht sogar besser als der Mann? Ist die Frau der bessere Mann? Was sind Prägungen? Was Geschlecht? Verliebte Verhaltensweisen im Zeitalter des Spätkapitalismus gilt es zu hinterfragen. Wie können die Impulse des Herzens gemeistert werden? Was tun bei Liebeskummer? Warum enden Liebesgeschichten im Allgemeinen schlecht? Und warum flattern manche Leute unentwegt, ohne jemals zu landen?

Goethe hat für seine „Stella“ 1775 ein veritables »Happy End« geschrieben – Stella, Cäcilie und Fernando leben zukünftig zu dritt. Später, 1805, hat Goethe nach großem Protest dem Stück ein anderes Ende gegeben – Stella und Fernando begehen Selbstmord, eine Tragödie. Wie wirst Du mit diesen beiden Möglichkeiten der Endungen umgehen?
Bei uns wird sich die Tochter ihr Wunschende bauen. Lucie wünscht sich ein Ende und löst die harten Liebesverklammerungen der drei unglücklich Liebenden. Mehr möchte ich nicht verraten.

Zwei Menschen gleichzeitig zu lieben, für Goethe ein großes Thema, ist auch für uns heute, die wir quasi permanent in der Untersuchung und Betrachtung zeitgenössischer Lebens- und Beziehungsmodelle stecken, weiterhin interessant. Oder?
Ich glaube Liebe ist immer ein Thema, egal zu welcher Jahreszeit und in welchem Jahrhundert. Und die sogenannte „offene Beziehung“ ist bis heute umstritten und auf jeden Fall spannend.

War Goethe damals mit seiner Setzung der »Liebe zu dritt« ganz schön weit vorne im Kontext seiner Zeit gesehen?
Ich glaube er war ein Mann, der alles gleichzeitig wollte, denn seinen Fraruenfiguren hat er nicht so viel zugestanden. Durch diesen männlichen Blick auf diese Verflechtungen, die Behauptung, alle wollen Fernando und somit ist alles unlösbar, stellt sich für mich eher Komik her, als fortschrittlicher Geist. Allerdings war die bürgerliche Moral bös gebeutelt mit seinem Happy End und dem Leben zu dritt.

Wie sehr sehen die Figuren einander wirklich und wie sehr projizieren sie eigene Wünsche und Bedürfnisse in den anderen hinein?
Das ist wirklich interessant, dass sie am Ende immer nur sich sehen und nie den/die Andere/n. Dadurch sind sie vielleicht verschieden, aber irgendwie auch ziemlich ähnlich. Einsame, alle miteinander. Unfähig aus ihrer Rolle rauszukommen. Obwohl die Ehefrau immerhin einen konstruktiven Vorschlag macht.

Wie unterscheiden sich Deiner Ansicht nach die Frauenfiguren in der zeitgenössischen Dramatik von denen aus der Zeit zum Beispiel Goethes?
Was komplexe Frauenrollen betrifft, ist es ja für unsere Zuschauerinnen eh dünn und für die Jugend gibt‘s gar nicht mal so konstruktive Vorbilder. Denke man in den Klassikern an Gretchen, oder Amalia, Luise Müllerin, alles unglücklich Liebende, die warten und sich am Ende irgendwie umbringen. Auch in den moderneren Stücken, Nora oder Lulu, sind Frauen Ehefrauen und um Männer herum organisiert. Sie haben kaum ein Thema, das sich vom Mann löst. Selbst in heutigen Stücken findet sich wenig. Der Weg von Mädchen- zu Frausein, vom Karriere- und Berufsleben neben dem Job als Mutter, oder der Rolle der Geliebten, also ein komplexes Bild einer Frau, wird so gut wie nie thematisiert. Als wäre das Leben einer Frau zu banal, um es losgelöst von der Liebe oder der Sehnensucht nach dem Mann zu beschreiben. Exemplarisch sind hier die Frauenfiguren bei Goethes „Stella“. Lediglich die Tochter will ausbrechen, landet aber in ihrem Bedürfnis nach der heilen Familie doch wieder beimewigen Bild von »Mutter Vater Kind«. Egal, wie modern wir sind, es scheint, das Ideal sitzt tief.

Worauf wirst du Dein besonderes Augenmerk richten in der Inszenierung?
Dass es uns heute berührt. Dass es so gesprochen wird – obwohl es Goethe ist – als würde es eben gerade gedacht werden. Das ist harte Arbeit: Den Theaterton zu vertreiben und auf das zu achten, was wir heute denken und fühlen. Und ich richte das Augenmerk auf Stereotype und die neoliberalen Vorstellungen von Glück und Liebe, die uns so einsam machen. Alle wollen gerettet werden, und so gehen alle unter. Das ist tragisch und komisch. Für mich ist diese übersteigerte Selbstsucht und Liebessehnsucht aber auch extrem unterhaltsam und das würde ich gern herausarbeiten, denn unsere Verirrungen sind für uns vielleicht schlimm in dem Moment, aber für den, der zuschaut, möglicherweise sehr erfrischend, erkennt er sich doch selbst. Es ist mein Kernanliegen, dass das Publikum die Möglichkeit hat, sich in jeder Figur selbst zu erkennen und darüber zu schmunzeln oder ergriff en zu sein. Für mich ist Theater immer dann spannend, wenn es den Zuschauer angeht. Ich möchte einerseits die Sprache Goethes erhalten und andererseits den Bogen ins Heute spannen mit modernen Texten und Ansichten. Alles sollte so klingen, als würde es mal eben ein Nachbar sagen.

 

DIE FREIHEIT DER LIEBENDEN
Romantische Liebe und folglich auch die aus Liebe eingegangene Ehe haben ihren Ursprung im 18. Jahrhundert in der Literatur. Ohne die Vorstellung von der Liebesheirat und die freie Partnerwahl wären Goethes 1775 verfasstes Drama „Stella “ ebenso wie der ein Jahr zuvor geschriebene Roman „Die Leiden des jungen Werther“ undenkbar gewesen. Die Freiheit der Liebe bedeutet für die Liebenden, voll und ganz von ihrem Gefühl bestimmt zu sein. Handelt der „Werther“ von einer unglücklichen, unerwiderten Liebe, die den Suizid zur Folge hat, so werden die Gefühle in „Stella“ zwar erwidert, führen aber ebenfalls zum Konflikt.

Denn, wenn Liebe die Grundlage für eine Beziehung ist, was passiert dann, wenn die Liebe nicht auf eine Person beschränkt ist? Und wenn diese Liebe auch noch erwidert wird? Genau dieses Dilemma stellt sich Fernando. Er hat seine Ehefrau Cäcilie und seine Geliebte Stella bereits verlassen und weiß nun nicht, zu welcher von beiden er zurückkehren möchte – denn er liebt sie beide und beide lieben ihn. Goethes „Stella“ ist ein Experiment, in dem der Autor die Beziehung aus Liebe radikal weiterdenkt. Denn was kann passieren, wenn wir dem Gefühl der Liebe ganz ohne gesellschaftliche Zwänge und Konventionen folgen? Dann kann genau das passieren, was Cäcilie vorschlägt: eine Beziehung zu dritt. Ohne die Konvention der Zweipersonenehe ist das absolut nicht unmoralisch, denn niemand wird betrogen oder hintergangen, alle sind einverstanden. Eine Beziehungsform, die heute als Polyamorie bezeichnet wird.

Interessant ist, dass ein Gefühl, dass sich bei Dreierkonstellationen für gewöhnlich einstellt, bei „Stella“ fehlt: die Eifersucht. Oftmals wird Eifersucht als Beweis der Liebe gedeutet, tatsächlich hat sie aber in der wirklichen Liebe nichts zu suchen, denn sie ist nur Ausdruck des eigenen Minderwertigkeitsgefühls oder ein Zeichen für die Verwechslung von Liebe mit Besitz. Stella und Cäcilie gönnen ihrem Fernando nicht nur die Beziehung zur jeweils anderen – sie sind einander auch freundschaftlich zugetan und gönnen einander Fernando. Nur deswegen ist die Ehe zu dritt möglich, weil sie auf reiner Liebe basiert. Dadurch ist das Schauspiel nur für Eingeweihte zu verstehen, also für jene, die das Gefühl der Liebe kennen, was den Untertitel „Schauspiel für Liebende“ erklärt. Für alle anderen, jene, die der Konvention, nicht dem Gefühl folgen, ist es eine Provokation. Goethe selbst änderte den Schluss des Stücks dreißig Jahre später: Wieder nennt Cäcilie die Idee von der Ehe zu dritt, aber es bleibt bei der Idee, denn Stella hat fernab der Unterredung von Cäcilie und Fernando Gift genommen. Allerdings nicht aus Kummer, über den nun womöglich endgültigen Verlust Fernandos, sondern aus Liebe (»Alles um Liebe war die Losung meines Lebens. Alles um Liebe und so nun auch den Tod.«), denn mit ihrem Tod gibt sie ihn frei für Cäcilie. Fernando jedoch kann dieses Opfer nicht annehmen und erschießt sich. Dieses Ende ist tragisch, weil die Beteiligten die Konvention der Zweierbeziehung beachten, doch am Grad der Liebe und Zuneigung zueinander hat sich gegenüber der ersten Fassung nichts geändert.
(Text von Anna Katharina Setecki)

Zuletzt aktualisiert: 19.08.2021