Yasmina Reza

»Sie hat ein lebhaftes Gesicht mit Katzenaugen (…) und den Vornamen einer Prinzessin aus Tausend-und eine-Nacht«, schreibt Marion Thébaud in Le Figaro über die Theater-, Roman- und Drehbuchautorin. Yasmina Reza, Tochter eines in Moskau geborenen, iranischen Vaters und einer ungarischen Mutter, wird 1959 in Paris in eine Künstlerfamilie hineingeboren. Ihre Mutter ist Violinistin, ihr Vater Musiknarr, der Bruder Komponist, die Schwester Kunsthändlerin. Und Yasmina? Nach ihrem Abitur studiert sie zunächst Soziologie, wechselt dann aber zur Theaterwissenschaft. Schließlich vertauscht sie die Theorie mit der Praxis und macht an der Schule von Jacques Lecoq ihre Ausbildung zur Schauspielerin. Sechs Jahre lang spielt sie an verschiedenen Theatern in klassischen und zeitgenössischen Stücken. Während einer Tournee erwacht dann ihre Lust zu schreiben. Mit ihrem 1986 uraufgeführten ersten Theaterstück „Gespräche nach einer Beerdigung“ etabliert sie sich in Frankreich auf Anhieb als Dramatikerin und wird u. a. mit dem renommierten Prix Molière als Beste Autorin (1988) ausgezeichnet. Schon dieses Stück über drei Geschwister nach der Beerdigung des Vaters zeigt die Reza-typischen, treffsicheren Dialoge, die perfekt getimt auf eine unvermeidliche Eskalation der Situation zulaufen. Auch die genau beobachtete Unberechenbarkeit und Vielfalt verschiedenster Paar-, Quartett- oder Dreierkonstellationen –Themen, denen sie treu bleiben wird – lotet sie bereits am Anfang ihrer Schriftstellerkarriere aus. Für ihr zweites uraufgeführtes Stück „Reise in den Winter“ (1988) über sechs Menschen in einem Schweizer Hotel wird sie ebenfalls mit dem Prix Molière geehrt. Ihr Drama „Jascha“ (UA 1993) sperrt sie für die Theater, nachdem sie es als Drehbuch für den mit Philippe Noiret, Stephane Audran u. a. hoch besetzten Film „Le Pique-nique de Lulu Kreutz“ umgeschrieben hat.

Der globale Reza-Hype setzt aber erst später ein – und zwar 1994 mit der Uraufführung ihres Drei-Männer-und-ein-weißes-Gemälde-Stücks „Kunst“ (1994). Diese hinreißende Komödie, für die sie erneut den Prix Molière als Beste Autorin erhält, macht Reza weltweit zur meist gespielten Theaterautorin. Übersetzt in über 40 Sprachen triumphiert „Kunst“ in London und New York, genauso wie in Moskau, Tokio, Tel Aviv, Budapest, Buenos Aires oder Madrid – um nur einige der vielen Metropolen zu nennen, in denen es aufgeführt wurde. Nach über 150 Inszenierungen allein im deutschsprachigen Raum seit der Deutschsprachigen Erstaufführung 1995 in der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz steht „Kunst“ auch heute noch auf vielen deutschsprachigen und internationalen Spielplänen. Außer dem begehrten Prix Molière erhielt dieses Erfolgsstück auch den Laurence Olivier Award und den Tony Award.  Nach dem Zwei-Personen-im-Zug-Stück „Der Mann des Zufalls“ (UA 1995) macht sich Yasmina Reza im Theater rar und schreibt erst einmal zwei Romane: 1997 erscheint „Hammerklavier“, 1999 ihr von der Kritik gelobtes Buch „Eine Verzweiflung“.

Doch auch im Theater geht es für Reza weiter: Zu einem mit überschwänglichen Rezensionen gefeierten Bühnenereignis wird ihr nächstes Stück „Drei Mal Leben“ (UA 2000), drei Variationen des Zusammentreffens zweier Ehepaare, das sich jedes Mal anders gestaltet. Auf den 2003 erschienenen Roman „Adam Haberberg“ folgt 2004 die Uraufführung von „Ein spanisches Stück“ über fünf Schauspieler bei Proben zu einem neuen Stück, das vor allem von der deutschen Kritik begeistert aufgenommen wird. Am 14.11.2005 wird Yasmina Reza mit dem WELT-Literaturpreis ausgezeichnet, der von einer international besetzten Jury jedes Jahr an einen Autor vergeben wird, der mit seinem Werk international in besonderer Weise Anerkennung gefunden hat. Im selben Jahr kommt „Im Schlitten Arthur Schopenhauers“ (UA 2006) heraus – eine Folge von Monologen zweier Frauen und zweier Männer – sowie der Prosatext „Nirgendwo“.  Ihr nächstes Stück ist wieder ein großer Theater-Hit: „Der Gott des Gemetzels“ (UA 2006) erobert wie „Kunst“ in kürzester Zeit die Bühnen der Welt. Allein im deutschsprachigen Theaterraum wurde und wird es von über 90 Theatern gespielt, die vielen Amateurbühnen nicht mitgerechnet. Auch für dieses Vier-Personenstück über zwei Ehepaare, deren Kinder sich in der Schule geprügelt haben, wird Reza mit dem Laurence Olivier Award und dem Tony Award ausgezeichnet. 2013 verfilmt Roman Polanski es kongenial mit internationaler Starbesetzung (Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz, John C. Reilly). Gemeinsam mit Polanski verfasst Reza das Drehbuch. Dies bringt ihr den französischen Filmpreis César ein. 2007 erscheint Rezas in Frankreich zum Bestseller gewordenes Buch „Frühmorgens abends oder nachts“, eine scharfsichtige Auseinandersetzung mit dem Präsidentschafts-Wahlkampf des damaligen französischen Innenministers Nicolas Sarkozy, den sie ein Jahr lang begleitet hat. 2010 verfilmt Yasmina Reza (Drehbuch und Regie) ihr Bühnenwerk „Ein spanisches Stück“ unter dem Titel „Chicas“. 2012 wird „Ihre Version des Spiels“ über eine spröde Schriftstellerin auf Lesereise am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt (Regie: Stephan Kimmig). Für ihren Roman „Glücklich die Glücklichen“ erhält sie 2013 den Literaturpreis von Le Monde. Die deutsche Übersetzung hält sich 2013 wochenlang in der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Und auch auf der Bühne durfte man sich wieder über ein neues Reza-Werk freuen: Am 15. Mai 2015 feierte „Bella Figura“, eine Auftragsproduktion der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin Uraufführung. Rezas 2016 erschienener neuester Roman „Babylon“ erhielt neben Bestkritiken auch die renommierten französischen Literaturpreise Prix Goncourt und Prix Renaudot. Ihr neuester Theatertext „Anne-Marie die Schönheit“, im März 2020 in Paris uraufgeführt, ist der Monolog einer Frau, der von einem Mann gespielt werden muss.

Aktuelle Produktion: „Anne-Marie die Schönheit“

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