Peter Shaffer

Für Peter Shaffer hatten kreative Schöpfungen immer ihren Ursprung in autobiografischen Tatsachen. Vielleicht finden sich deshalb so viele kontrastierende, gleich starke Hauptfiguren in seinen Stücken, die aus Shaffers Kindheitserfahrungen als Zwillingsbruder herrühren mögen, z. B. Jill und Alan in „Equus“, die Titelfiguren in „Laura und Lotte“ – und Mozart und Salieri in „Amadeus“.

Am 15. Mai 1926 erblickte in Liverpool zwischen 9:30 Uhr und 9:35 Uhr das wohl erfolgreichste Zwillingspaar der Literaturgeschichte das Licht der Welt: Anthony und Peter Shaffer. Glücksgöttin Fortuna und Thalia, die Muse des Theaters, müssen besonders eng zusammengearbeitet haben. Gut, dass sie nicht dem Schreckensruf des Großvaters »Schließt die Tür und sagt es niemandem« angesichts der doppelten Bescherung folgten, sondern ihrem Talent freien Lauf ließen. Nach dem unfreiwilligen Intermezzo in einem britischen Kohlebergwerk während des Zweiten Weltkriegs, begannen sie während ihres Studiums zunächst gemeinsam unter dem Pseudonym Peter Anthony mit einigem Erfolg Kriminalgeschichten zu schreiben. Doch erst als sie sich getrennt auf den Weg machten, die Bühnen dieser Welt mit ihren Texten zu erobern, zeigte sich, dass die Götter nicht umsonst an ihrer Wiege gestanden hatten: Anthony landete mit dem Recht des um fünf Minuten Älteren den ersten Coup: Sein Kriminalstück „Revanche“ (2006/2007 als EURO-STUDIO-Produktion u. a. mit Martin Lindow auf Tournee), in aller Welt nachgespielt, zählt noch heute zu den besten Stücken, die dieses Genre zu bieten hat, und wurde mit Sir Lawrence Olivier und Michael Caine verfilmt. Dann aber zeigte Peter, dass man auch als Nachgeborener nicht vor verschlossenen Theatertüren steht. Er, der als Bibliothekar in New York und als Musikkritiker in London begonnen hatte, eroberte, sobald er anfing, ernsthaft für das Theater zu schreiben, im Eiltempo die Bretter, die noch immer die Welt bedeuten. Keiner der begehrten Theaterpreise des Londoner West Ends oder des New Yorker Broadways, den er nicht mit seinen Stücken gewonnen hätte. Natürlich wurden die erfolgreichsten seiner Bühnenwerke auch verfilmt: „Geben Sie acht“, „Equus“, „Fünffingerübung“ (unter dem Titel „Ein Fremder kam an“) – und natürlich „Amadeus“. Letztgenannter Film räumte gleich acht Oscars ab und wurde Bester Film des Jahres 1984. Alles, was Peter Shaffer in Angriff nahm, wurde buchstäblich vergoldet. Seine Stücke wurden und werden rund um den Globus nachgespielt.

Dass Peter Shaffer perfekte und begehrte Rollen für Schauspieler schrieb, zeigt die Liste der Protagonisten, die in seinen Rollen brillierten; sie liest sich wie das Who‘s Who der Theater- und Filmstars: Maggie Smith, Dame Judy Dench oder Sir Paul Scofield sind nur drei von Ihnen. Sie drückten in Uraufführungsinszenierungen gleich mehreren Rollen ihren unverwechselbaren Stempel auf. Aber auch andere internationale Stars ließen es sich nicht nehmen, in seinen Stücken aufzutreten. In Deutschland tat das Will Quadflieg, der in der EURO-STUDIO-Landgraf-Produktion „Amadeus“ (Salieri) und in „Equus“ spielte, die zu den Wiener Festwochen eingeladen wurde. Nach so viel internationaler Anerkennung war es nur eine Frage der Zeit, wann Peter Shaffer, der in Oxford mit einem Lehrstuhl für Gegenwartsdramatik geehrte wurde, auch die höchsten Auszeichnungen seines Landes erhielt: Er wurde für seine Verdienste um die Künste 1997 mit dem Order of the British Empire geehrt und im Mai 2001 von Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagen. Der gefeierte und mit vielen Theaterpreisen ausgezeichnete Dramatiker, der in London und New York zu Hause war, starb 2016 mit 90 Jahren. »Wie viel mächtiger ein Geschichtenschreiber im Vergleich zu einem Geschichtsschreiber ist, hat wohl kein Dramatiker so selbstbewusst demonstriert wie Peter Shaffer. Sein Theaterstück „Amadeus“ und die gleichnamige Verfilmung von Miloš Forman aus dem Jahr 1984 haben das Bild von Mozart als manischem Popstar wohl mehr geprägt als alle faktentreuen Biografien des Komponisten zusammen«, schrieb David Steinitz in der Süddeutschen Zeitung am 7.6.2016 in seinem Nachruf auf den großen Bühnenschriftsteller.

Aktuelle Produktion: „Amadeus“

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