Eine Familie


EURO-STUDIO Landgraf
Eine Familie
(August: Osage County)
Familien-Tragikomödie von Tracy Letts
Deutsch von Anna Opel

ca. 27.02.2020 – 30.04.2020

Mit Doris Kunstmann (Violet),
Martina Dähne (Barbara)
ca. 13 Mitwirkende

Uraufführung: 28.06.2007, Steppenwolf Theatre Company
Broadway Premiere: 04.12.2007, Imperial Theatre
Deutschsprachige Erstaufführung: 10.02.2008, Nationaltheater Mannheim

Psycho-Boulevard der Sonderklasse.
Beklemmend in seiner fürchterlichen Komik.
Ulrich Weinzierl, Die Welt, 02.11.2009

Möglicherweise das aufregendste neue Broadway-Stück seit Jahren. Ach, vergessen Sie das ‚möglicherweise‘: Es ist zweifelsohne (und ohne Übertreibung) das aufregendste neue Broadway-Stück seit Jahren!  Diese Turbo-Tragikomödie, gnadenlos komisch und bitterbös traurig zugleich, bringt die Theatersaison augenblicklich auf Hochtouren.
Charles Isherwood, The New York Times, 05.12.2007

Zum Inhalt
Nichts ist so unterhaltsam wie die Hölle, Drogen, Lügen und Inzest: Es ist, als hätte der amerikanische Dramatiker Tracy Letts ausprobieren wollen, wie viele klassische Familienkonflikte in ein Stück passen, ohne dass einem dieses Stück um die Ohren fliegt. Seine Antwort: Es gibt eigentlich keine Grenze. Sein Beweis: der Text „August: Osage County“, in der deutschen Fassung „Eine Familie“ betitelt.

Das Stück, vielfach preisgekrönt und ein Riesenhit am Broadway, beginnt mit Beverly, 69, dem Clanoberhaupt der Westons, die ihren Sitz in der heißen, öden Provinz von Oklahoma haben. Der Mann ist ein gescheiterter Dichter und regelmäßiger Trinker. Seine Frau Violet, 65, hat Krebs und ist tablettensüchtig. Von den drei Töchtern, alle in den Vierzigern, ist eine frisch getrennt, eine heimlich mit ihrem Cousin liiert und eine gerade mit einem Kompromiss-Mann verlobt, der aber lieber einer 14-Jährigen an die Wäsche geht. Beverly hat Violet vor Jahrzehnten mit deren eigener Schwester betrogen, das Ergebnis ist ein Versager, der auch mit 37 Jahren von seiner Mutter noch »Little Charles« genannt wird. Sie alle versammeln sich im Haus der Westons, als Violet sie ruft: Ihr Mann ist verschwunden. Violet tröstet sich mit Tabletten und dem Gift, das sie verbal verspritzt – ihre drei Töchter sind mehr oder weniger wehrlose Opfer.

Der Soap-Einfluss ist groß.
(…) Wer an Tennessee Williams denkt oder an Eugene O’Neill, liegt nicht falsch. Tschechow könnte man nennen, schon wegen der Drei-Schwestern-Konstellation, oder Ibsen, wegen der gnadenlosen Aufdeckung von Lebenslügen (und auch bei Letts macht die Wahrheit alles nur noch schlimmer). Dennoch ist es ein Stück von heute – der Soap-Einfluss ist jedenfalls deutlich erkennbar, Oklahoma ist nicht weit von Dallas.

Als »universelle Familientragödie, die gleichzeitig eine höchst unterhaltsame Sitcom und eine böse Psychoschlacht ist«, beschreibt der Regisseur Burkhard C. Kosminski „Eine Familie“. [Im deutschsprachigen Raum setzen bisher fast 50 Bühnen auf dieses] ‚wellmade play‘ mit seinen Paraderollen, das 2008 den Pulitzer-Preis gewann.
Anke Dürr, Spiegel Online, 31.10.2009 (Kürzungen sind nicht gekennzeichnet)

Das Stück, das umgehend zum Bestseller wurde, zeigt die in einem innerfamiliären Machtsystem auf Gedeih und Verderb aneinander geketteten Familienmitglieder. Sie können sich nicht lieben, sie können sich nur gemeinsam hassen. Die außerordentliche Qualität des Analytiker-Autors Tracy Letts zeigt sich in dem Gespür für die Seelenlage seiner Figuren und seinen erschreckend lebensechte Figuren bzw. Dialogen. Die umjubelte Chicagoer Uraufführungsproduktion ging im Dezember 2007 an den Broadway und erntete auch dort überschwänglichste Kritiken.

Autor TRACY LETTS
»Einer der vielversprechendsten und scharfsinnigsten amerikanischen Theaterautoren« nannte ihn die Pulitzerpreis-Jury bereits anlässlich seines dritten Stücks: Tracy Shane Letts, der US-amerikanische Dramatiker, Drehbuchautor, Schauspieler und Pulitzer-Preisträger, 1965 in Tulsa/ Oklahoma geboren, wurde vor allem als Autor des mit Preisen überhäuften Stücks „August: Osage County“ (dt. „Eine Familie“) berühmt, das 2013 auch als kongeniale Verfilmung (Drehbuch: Tracy Letts) mit Hollywoodstars wie Meryl Streep und Julia Roberts u. a. in die Kinos kam.
Aufgewachsen ist Letts, dem man auch »theatralische Kraft und Wortgewalt« bescheinigt, in Durant, Oklahoma. Sein Vater war Englischprofessor, seine Mutter Professorin für Journalistik und Bestseller-Romanautorin. Nach einer Dekade des Drogen- und Alkoholmissbrauchs gelang es ihm ohne jegliche Ausbildung, sich eine Karriere als Schauspieler und Dramatiker aufzubauen.
Durch die Schauspiel-Begeisterung seines Vaters kam auch Tracy Letts zum Theater. Kurz besuchte er die Southeastern Oklahoma State University, zog dann nach Dallas und mit 20 schließlich nach Chicago, wo er erste Schauspiel-Engagements bekam und anfing, Stücke zu schreiben. 1991 verfasste er das Drama „Killer Joe“ über eine texanische Familie, die den titelgebenden Auftragsmörder anheuert, um ein Familienmitglied mit ansehnlicher Lebensversicherung um die Ecke zu bringen. Das Stück enthielt so viel Gewalt, dass es zunächst niemand produzieren wollte. Zwei Jahre später brachte Letts es schließlich selbst an einem Studiotheater heraus und landete den Bühnenhit des Jahres: Dort sah es ein Agent des Edinburgh Fringe Festivals und lud die Produktion 2007 ein. Nach zwölf ausverkauften Vorstellungen wurde „Killer Joe“ mit dem Fringe First Award für neue Werke geehrt. Es folgten Produktionen in London und New York. Tracy Letts nächstes Stück „Bug“, eine mit dem Lucille Lortel Award als Bestes Stück und zwei Obie Awards ausgezeichnete Liebesgeschichte zwischen einer kokainsüchtigen Frau und einem Mann, der glaubt, sein Körper sei von Insekten bewohnt, wurde 1996 in London uraufgeführt und lief später auch in New York.
Neben seiner Laufbahn als Dramatiker verfolgte Tracy Letts aber auch weiterhin seine Schauspielkarriere. Er arbeitete z. B. für in Los Angeles gedrehte TV-Produktionen wie u. a. die Sitcom „Seinfeld“ oder die Serie „Für alle Fälle Amy“. In Chicago spielte er in diversen Produktionen der legendären Steppenwolf Theatre Company (gegründet u. a. von Schauspieler Gary Sinise), bevor man ihn 2002 fest ins Ensemble aufnahm.

2003 produzierte das Steppenwolf Theatre Letts‘ nächstes Stück „The Man from Nebraska“, das vom Glaubensverlust eines Versicherungsagenten handelt. Für dieses Drama erntete der Autor 2004 eine Pulitzerpreis-Nominierung. Bekommen hat er die begehrte Auszeichnung dann für sein nächstes Stück „August: Osage County“, mit dem ihm der endgültige Durchbruch als Dramatiker gelang. Als Steppenwolf- bzw. Broadway-Produktion (mit Letts Vater Dennis in der Rolle des Familien-Patriarchen) erhielt das Stück fünf TONY Awards – u. a. in der Kategorie Bestes Stück. Weltweit gehört das exzellente Werk zu den meistgespielten Theatertexten der letzten Jahre.
2008 brachte Letts als nächstes Stück „Superior Donuts“ am Steppenwolf Theatre heraus, das 2009 auch am Broadway Premiere hatte. Es handelt von einem polnisch-amerikanischen Doughnut-Laden-Besitzer, der mit dem gesellschaftlichen Wandel in seinem Viertel und der neuen afroamerikanischen Ladenhelferin zurecht kommen muss. Im selben Jahr (2009) hatte auch Letts‘ Tschechow-Adaption „Drei Schwestern“ in Portland Premiere. 2016 wurde sein Einakter „The Strech“ in Chicago uraufgeführt. Im selben Jahr hatte auch sein nächstes abendfüllendes Stück am Steppenwolf Theatre Premiere. In dem mit Spannung erwarteten – inzwischen auch schon in Basel und Berlin gezeigten – Stück „Mary Page Marlowe – Eine Frau“ stellen mehrere Schauspielerinnen die verschiedenen Lebensalter einer Frau dar. Das in nicht chronologisch geordneten Episoden geschriebene Stück ist Letts künstlerische Antwort auf den Tod seiner Mutter.

2017 kam seine schwarze Komödie „Linda Vista“ heraus, die Geschichte eines 50-Jährigen mit langweiligem Job und gescheiterter Ehe, der sich selbst neu erfinden muss. Für sein bislang letztes Stück „The Minutes“, eine Komödie über Kleinstadtpolitiker und Macht, die als Uraufführung von November 2017 bis Januar 2018 am Steppenwolf Theatre in Chicago lief, erhielt Letts seine dritte Pulitzerpreis-Nominierung. Für die hoch besetzten Verfilmungen seiner Stücke hat Letts außerdem selbst die Drehbücher verfasst: für „Bug“ (2006), „Killer Joe“ (2011) – und natürlich auch für „August: Osage County“ (2013). Als Schauspieler hatte er 2009 bzw. 2010 Erfolg in den Steppenwolf-Produktionen von David Mamets „American Buffalo“ und Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Mit letztgenannter Produktion gastierte er 2012 auch am Broadway und wurde für seine Darstellung des George mit einem TONY Award als Bester Schauspieler ausgezeichnet. 2013 war er als streitlustiger US-Senator in der TV-Kultserie „Homeland“ zu sehen. 2015 spielte er neben Christian Bale, Steve Carell, Ryan Gosling und Brad Pitt im Kinofilm „The Big Short“ von Adam MacKay über Experten, die die Finanzkrise 2008 voraussahen. 2016 verkörperte er in dem Film „Elvis & Nixon“, einer Komödie über das 1970 stattgefundene und berühmt gewordene Treffen des US-Präsidenten Richard Nixon und Elvis Presleys, einen Beamten des Bureau of Narcotics and Dangerous Drugs. Danach stand er als schwafelnder College-Dekan in der Filmadaption von Philip Roths „Indignation“ (dt. „Empörung“) u. a. mit Logan Lerman vor der Kamera. Seit 2016 gehört er auch zum Ensemble der HBO-Comedyserie „Divorce“.

Seit 2013 ist Tracy Letts mit der Schauspielerin Carrie Coon verheiratet. Die beiden hatten sich 2012 bei der Steppenwolf-Produktion von Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ kennen gelernt; sie spielte die Rolle Honey, er den George.

Theaterpreise für „Eine Familie“ 2008: 
PULITZER-PREIS
TONY AWARDS (u. a. als BESTES Stück)
JEFF AWARDS (u. a. als BESTES neues Stück)
OUTER CRITICS‘ CIRCLE AWARDS (u. a. als HERAUSRAGENDES Broadwaystück)
DRAMA LEAGUE AWARD
DRAMA DESK AWARDS (u. a. als HERAUSRAGENDES Stück)
NEW YORK DRAMA CRITICS‘ CIRCLE AWARD
THEATRE WORLD AWARD

Pressestimmen

Zur Broadway-Premiere:

Letts’ Sichtweise ist erfrischend anders. Er hat so viele originelle und teuflisch-komische Ideen über Angst, Sehnsucht und Beziehungen, dass er das gute alte Familiendrama wiederbelebt und auf den neuesten Stand bringt. Man stolpert im Minutentakt von Gelächter zu Bestürzung, während das Stück wie im Fluge vergeht.
Joe Dziemianowicz, New York Daily News, 05.12.2007

Familiendrama (…): „Eine Familie” ist unglaublich unterhaltsam.
Clive Barnes, New York Post, 05.12.2007

Zur Londoner West-End-Premiere:

Schon lange ist es ein Markenzeichen des US-Dramas, die glückliche Familie als Mythos zu entlarven. Und dass Tracy Letts‘ Stück nun mit Vorschusslorbeeren in London eintrifft, hat zwei gute Gründe: Erstens bringt er zur Mythos-Zerstörung nicht nur die große Abrissbirne mit, sondern zweitens auch die Narrenkappe. (…) Sein Stück befriedigt außerdem den Hunger nach einem großen Theatererlebnis. (…) Letts’ Stärke liegt in seinem Verständnis für die Dynamiken des Familienlebens – in dieser Hinsicht steht er Ayckbourn genauso nah wie O‘Neill oder Albee. Er hat ein verheerend gutes Gespür für die Absurdität leerer Rituale. (…) Und schreibt trotzdem durchgehend mit dem Elan eines Comedian.
Michael Billington, The Guardian, 27.11.2008

Zur DSE am Nationaltheater Mannheim:

Johlen und atemloses Stillschweigen
Letts [bietet] einen Katalog der familiären Abgründe, der (…) tief in die Seele blicken lässt. Was sich da familiär abspielt, ist grausig. (…)
(…) Letts‘ Well-made Play funktioniert wie geschmiert (…). (…) Letts schafft Figuren: mit Fleisch und Blut, Charakter, Schrammen und Wunden – und somit Schauspielerfutter verloren geglaubter Güte. Freilich strickt er nach Tennessee Williams und Eugene O’Neill, doch seines langen Stückes Reise in die menschliche Nacht hat eine derart mitreißende tragikomische Aktualisierung erfahren, dass wir ihm (…) gebannt dorthin folgen.
Ralf-Carl Langhals, nachtkritik.de, 31.10.2008

Tracy Letts‘ Familienschlachtengemälde ist (…) auch in Deutschland ein Theaterhit.
Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau, 15.01.2017

Mit jeder Menge prägnanter Rollenporträts, in intelligentem Humor und saftigen Dialogen entfaltet sich der bittere Abstieg einer amerikanischen Mittelstandsfamilie.
Bettina Boyens, Frankfurter Neue Presse, 16.01.2017