Heilig Abend

EURO-STUDIO Landgraf
HEILIG ABEND
Schauspiel von Daniel Kehlmann
(Autor von „Die Vermessung der Welt“)

ca. 03.12.2018 – 17.12.2018
ca. 06.01.2019 – 05.02.2019
ca. 25.02.2019 – 05.03.2019

Mit Jacqueline Macaulay, Wanja Mues

Februar 2017 – Umjubelte Uraufführung im Theater in der Josefstadt Wien

UK-Premiere: 19. Oktober 2017, Theatre Royal, Bath (unter dem Titel „Christmas Eve“)
Deutsche Erstaufführung: 26. Januar 2018, am Residenztheater München

Aktueller Stoff 
Ein Stück mit Erfolgspotential auch für deutsche Bühnen. Ähnlich wie Schirachs „Terror“.
Denn an Aktualität, so ist zu befürchten, wird es beiden Stücken in absehbarer Zeit nicht mangeln.
Claus Heinrich, SWR2, Kultur Info, 03.02.2017

In Kehlmanns politisch brennend aktuellem, eine diffuse Beunruhigung auslösendem Stück gibt es in nicht einer einzigen Minute das im Titel suggerierte besinnliche Friedensfest.

Inhalt
Es ist der 24. Dezember, halb elf Uhr abends. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt: Nur genau 90 Minuten hat er Zeit, der Verhörspezialist Thomas, um von einer Frau namens Judith zu erfahren, ob sie tatsächlich, wie er vermutet, um Mitternacht einen – gemeinsam mit ihrem Ex-Mann Peter geplanten – terroristischen Anschlag verüben will. Sie wurde auf dem Weg zu ihren Eltern aus einem Taxi geholt und zur Polizeistation gebracht. Thomas weiß offensichtlich nicht nur theoretisch alles über sie, ihre Arbeit und ihre gescheiterte Ehe, sondern auch praktisch,
z. B. dass ihr Ex-Mann am Tag davor von 14.30 Uhr nachmittags bis 22:52 Uhr am Abend bei ihr war. Was haben sie da besprochen?
Im Nebenzimmer wird Peter schon fast zwölf Stunden lang befragt. Ermittler Thomas versucht, wie das bei parallel geführten Vernehmungen üblich ist, den einen über die Aussagen des anderen zu überführen.
Aber wo endet List, und wo beginnt unzulässige Täuschung, wenn unbelegte Vorwürfe wie Fakten behandelt werden? Ist das Ganze doch nur eine Übung für eines von Judiths Seminaren, wie die Philosophie-Professorin behauptet?
Thomas setzt alles daran, Judith aus der Reserve zu locken. Doch da hat er mit ihr, die sich mit dem französischen Psychiater, Politiker und Autor Frantz Fanon und seinen Thesen über die Rechte Unterdrückter auseinandergesetzt hat, kein leichtes Spiel. Im Gegenteil: Sie beginnt, ihr Gegenüber mit gezielten Fragen aus dem Konzept zu bringen.
Die Situation spitzt sich zu. Und die Zeit läuft…

In dieser spannenden Psycho-Studie spielt Kehlmann durch die scharfkantige Figurenzeichnung und die wechselnde Beziehungsdynamik geschickt mit den Erwartungen und Ängsten der Zuschauer. Er stellt wieder Fragen, die zum Weiterdenken zwingen, weil sie nicht einfach und nicht eindeutig zu beantworten sind, die aber eine Antwort verlangen, weil wir nicht sicher sein können, dass sie nur unser Privatleben betreffen und nicht auch – mehr als uns lieb ist – das unserer Kinder.

Daniel Kehlmann zu seinen Motiven, „Heilig Abend“ zu schreiben
Daniel Kehlmann: Seit meiner Kindheit habe ich „High Noon“ geliebt, und zwar nicht so sehr wegen Gary Cooper oder der Revolverduelle, ja nicht einmal wegen Grace Kelly, sondern wegen der Uhr. (…) Man weiß, dass zur Mittagsstunde die Mörder kommen werden (…). „High Noon“ ist einer der wenigen perfekten Filme – nicht zuletzt weil er in Echtzeit stattfindet, weil in ihm die erzählte Zeit und die Zeit, in der der Film selbst vergeht, auf die Sekunde identisch sind. So etwas wollte ich auch machen, immer schon. Das war der eine Antrieb zu „Heilig Abend“: die Idee von einer Uhr an der Wand, deren Zeiger sich auf den entscheidenden Moment zu bewegen, offen und groß, im Blickfeld der Bühnenfiguren wie des Publikums.
Der andere Antrieb war meine Verblüffung über die Dinge, die Edward Snowden aufgedeckt hatte: das Ausmaß der staatlichen Überwachung in der elektronischen Welt, die Willkür der Geheimdienste, die Möglichkeit der Polizei, unsere Leben in einem Ausmaß zu beobachten, wie wir es uns früher nicht hätten vorstellen können.
Also schrieb ich zum ersten Mal etwas im weitesten Sinn Aktuelles, ein Stück, das auf die Ereignisse in den Schlagzeilen reagieren sollte – wenn auch auf eine verschobene, gewissermaßen spiegelverkehrte Art. Aber wichtiger noch: Ich wollte die Reduktion auf die Grundsubstanz des Theaters. Ein Konflikt zwischen zwei Menschen. Eine Gefahr, eine Ermittlung. Und die wie immer zu schnell vergehende Zeit.

Der Bestsellerautor DANIEL KEHLMANN
Daniel Kehlmann wurde 1975 als Sohn der Schauspielerin Dagmar Mettler und des Regisseurs Michael Kehlmann in München geboren. (Beim EURO-STUDIO Landgraf lief Michael Kehlmanns eindrucksvolle, in der Charakterisierung des Sultans Saladin – als gefährlicher, angsteinflößender Herrscher – zukunftsweisende Inszenierung von Lessings „Nathan der Weise“ mit Attila Hörbiger in der Titelrolle und „Komm wieder, kleine Sheba!“ des Pulitzerpreisträgers William Inge mit u. a. Inge Meysel, Siegfried Lowitz.) Daniel Kehlmanns Großvater war der expressionistische Schriftsteller Eduard Kehlmann. 1981 zog Daniel Kehlmann mit seiner Familie nach Wien, wo er nach dem Abitur auf einer Jesuitenschule an der Universität Wien Philosophie und Germanistik studierte.
1997 erschien sein Debüt-Roman „Beerholms Vorstellung“, die fiktive Lebensgeschichte des Magiers Arthur Beerholm auf der Suche nach einer höheren, magischen Existenz. Für dieses Erstlingswerk erhielt Kehlmann den Förderpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft. Da war er gerade 22 Jahre alt.
Der erste Roman, mit dem er überregional Aufsehen erregte, war „Ich und Kaminski“ (2003). Er wurde auch ein internationaler Erfolg. Sein bisher in 40 Sprachen übersetzter, über zwei Millionen Mal verkaufter Bestseller „Die Vermessung der Welt“ (2005) zählt zu den erfolgreichsten deutschen Romanen der Nachkriegsliteratur. 2009 erschien sein Roman „Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten“. Im Oktober 2017 kommt sein neuestes Werk heraus, „Tyll“, eine Neuerfindung des Tyll-Ulenspiegel-Mythos.
Auch als Bühnenautor hat Daniel Kehlmann Erfolg. Sein 2012 mit dem NESTROY-Theaterpreis als Autor ausgezeichnete Debütstück „Geister in Princeton“, das 2011 als szenische Lesung im Rahmen der Salzburger Festspiele vorgestellt wurde, kam im gleichen Jahr im Schauspielhaus Graz zur Uraufführung. Die Uraufführung seines zweiten Stücks „Der Mentor“ über Schriftsteller, deren Eitelkeiten und die Abgründe des Literaturbetriebs fand 2012 im Theater in der Josefstadt Wien statt. Nach dem Theatererfolg in Bath ist es ab Juni 2017 auch am Londoner West End (Vaudeville Theatre) zu sehen. Kehlmanns neuestes Stück „Heilig Abend“, wie „Der Mentor“ eine Auftragsarbeit für das Theater in der Josefstadt Wien, wurde dort am 2.2.2017 uraufgeführt und spielt ab Herbst 2017 ebenfalls am Londoner West End (Theatre Royal).
Zu Publikumsmagneten wurden auch Kehlmanns hoch gelobte, fundiert ausgearbeitete Poetikvorlesungen (z. B. über Tolkien, Ingeborg Bachmann, Shakespeare, Karl Kraus, Büchner), die er u. a. in Mainz, Wiesbaden und Göttingen hielt. 2012 war er außerdem Gastprofessor am German Department der University of New York. Kehlmanns Rezensionen und Essays erschienen in zahlreichen Magazinen und Zeitungen (Der Spiegel, The Guardian, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Literaturen, Volltext u. a.).
Kehlmann wurde mit diversen Auszeichnungen gegehrt, u. a. 2005 mit dem Candide-Preis, 2006 mit dem Preis der Konrad-Adenauer-Stiftung, dem Heimito-von-Doderer-Preis und dem Kleist-Preis; 2007 erhielt er den WELT-Literaturpreis und 2008 den Per-Olof-Enquist- sowie den Thomas-Mann-Preis.
Kehlmann lebt als freier Schriftsteller in Wien, Berlin und New York, ist mit einer spanischen Diplomatin verheiratet und hat einen Sohn.

Presseauszüge
zur Uraufführung am 02.02.2017 im Theater in der Josefstadt, Wien

Verhörthriller
Zu erleben ist ein spannender, interessanter, von Daniel Kehlmann ausgezeichnet und sehr klug geschriebener Theaterabend.
Guido Tartarotti, KURIER, 03.02.2017

Klar gearbeiteter Text
Daniel Kehlmann verhandelt in seinem Text die Überwachungsmechanismen zur Terrorbekämpfung sowohl aus staatlicher wie philosophischer Sicht, die drohende Bombe steht zwar im Zentrum der Befragung, das Thema ist jedoch weniger die konkrete Bedrohung als das Verhandeln von Privatsphäre in Zeiten des gläsernen Menschen.
Sonja Harter, APA, 03.02.2017

Die große Leistung von Kehlmanns Well-Made-Play „Heilig Abend“ besteht nicht nur darin, dass es das Dilemma ob der Zweck die Mittel heiligt, so spannend ausbreitet, sondern dass es richtige und wichtige Fragen stellt, die möglichen Antworten aber als gleichwertig gegeneinander stellt. Und weil sich der Autor Sympathien und einfachen Worten entschlägt, ist der Zuschauer aufgefordert, sich auseinanderzusetzen.
Etwas Besseres kann Theater kaum leisten.
Patric Blaser, Die Furche, 09.02.2017

Tadellos gebauter Verhörthriller
Der fast unmerkliche Abbau demokratischer Freiheitsrechte hat ein bedenkliches Maß erreicht. Die Terrorangst hält unsere Sicherheitsapparate in Atem, und immer mehr Kollateralschäden sind zu beklagen. (…) Man muss dieses kleine Requiem auf unsere liberalen Denk- und Lebensgewohnheiten schon auch als das nehmen als was es ist: ein tadelloses Stück. Man kann sich aber auch von den zahlreichen Feinheiten des (…) Dialogs prächtig amüsieren lassen.
Ronald Pohl, Der Standard, 3.2.2017.

Für Kehlmann ist sein Stück – unter anderem – auch so etwas wie eine Hommage an den Filmklassiker „High Noon“. Nur dass die Handlung bei ihm nicht um zwölf Uhr mittags, sondern um zwölf Uhr Mitternacht kulminiert. Und dass sich (…) zwei Menschen (…) mit Worten statt mit Waffen duellieren. (…)
Seine Sprengkraft gewinnt der Text aus der Kollision zweier Standpunkte, die auf je eigene Weise an aktuell drängenden Problemen rühren.
In beiden Fällen stellt sich die Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt. Wie weit darf einerseits der Staat dabei gehen, Grundrechte zu verletzen im Namen der allgemeinen Sicherheit? Und wann ist damit andererseits ein Punkt überschritten, ab dem sich Bürger – notfalls mit Gewalt – gegen diesen Staat zur Wehr setzen können.
Die Stärke von Kehlmanns Stück ist es, dass der Autor sich auf keine Seite schlägt, sondern die potentielle Terroristin mit der gleichen argumentativem Kraft ausstattet wie ihr Gegenüber.
Christoph Leibold, Bayern2, Kultur, 03.02.2017

Ein Stück als Albtraumszenario
Kehlmanns Zweipersonenmanifest gegen den Überwachungsstaat ist klug ins Kafkaeske überhöht. (…) Der Plot ist spannend und der Dialog geschliffen.
Hans Sichrovsky, Kronen Zeitung, 01. und 02.02.2017

Eisiger Schlagabtausch
Kehlmann denkt (…) nicht in Schwarz und Weiß, er bewegt seinen Text durch die Grauzone dessen, was das Allzumenschliche vom Unmenschlichen trennt. [„Heilig Abend“] ist ein starkes Stück, eines, das aktueller nicht sein könnte (…), (…) Kehlmann war noch nie so dezidiert politisch wie diesmal. (…) Ein einwandfreier Thriller, man meint mitzufühlen, wie (…) die Feindseligkeiten zunehmen. (…) Bravo!
Michaela Mottinger, Mottingers Meinung, 03.02.2017

Daniel Kehlmann antwortet auf die Fragen der Zeit von Terror und totaler Überwachung mit einem kompakten, exzellent gebauten Thriller.
Die Einfachheit des Geschehens ist bestechend, der Text ingeniös.
(…) Die Ausgewogenheit eines wohl dosierten Quantums an Humor und beklemmender Thrillerspannung zeichnet diesen Text aus.
Susanne Zobl, NEWS, 07.02.2017